Marschbefehl nach Fulpmes
Auszug aus der Biografie des Schauspielers Claus Theo Gärtner, erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf (2016)
Wie mein Vater beinahe erschossen wurde
Kurz nach meiner Geburt wurde meine Mutter wieder schwanger, dreizehn Monate nach mir kam mein Bruder Jürgen zur Welt. Nun war es mittlerweile 1944, und die Zustände in Berlin waren so katastrophal, dass die Mütter evakuiert und auf's Land geschickt wurden. Wir mussten nach Sommerfeld in der Niederlausitz. Meine Mutter hielt es dort in einer Einraumwohnung aus bis nach der Geburt meines Bruders am 3. Juni, dann gingen wir zurück nach Berlin. Allerdings nur für kurze Zeit, denn mein Vater bekam, kaum von einer schweren Verwundung genesen, einen Marschbefehl nach Fulpmes in Österreich. Dort sollte er Jugendliche zu Panzerknackern ausbilden, wie er es im Krieg gelernt hatte. Für meinen Vater war der Krieg aber schon zu Ende und verloren, der kam aus Russland und hatte gesehen und am eigenen Leib erfahren, was da los war. Insgesamt viermal war er angeschossen worden an der Front, er hatte einen Lungensteckschuss, einen Halssteckschuss, einen Oberschenkeldurchschuss und einen Kopfschuss überlebt, zumindest physisch. In seiner Psyche hat ihn das unheimlich beeinträchtigt. Er war ein bildschöner Mann gewesen, bevor sie ihm das halbe Stirnbein weggesägt haben, um ihm die Kugel aus dem Kopf zu operieren. Er hatte Glück, wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von Glück sprechen kann, und trug keinen Hirnschaden davon. Die haben ihn im Lazarett wieder zusammengeflickt, und weil es mittlerweile einen Mangel an Offizieren gab, haben sie ihn, den soeben Genesenen, wieder an die Front geschickt. Ich habe später immer wieder zu ihm gesagt: „Du hättest da doch gar nicht noch einmal hingemusst!“ Für ihn war das jedoch nicht verhandelbar: „Ich wollte meine Familie verteidigen!“ So hat er das Ganze gesehen.
Mein Vater war bei Kriegsbeginn höchst unpolitisch, ein neunzehnjähriger Halbstarker, der die Welt sehen wollte und der vom Krieg keine Ahnung hatte. Er träumte davon, Journalist zu werden, wurde jedoch zum Arbeitsdienst eingezogen, bevor er mit dem Studium beginnen konnte, und danach ging's auf direktem Weg in die Wehrmacht. Als er als frisch gebackener Soldat zum ersten Mal im Zug irgendwo hinfuhr – ins Ausland! - war das in seiner Wahrnehmung mehr Abenteuer als Bedrohung. Seine Eltern, erzkatholisch und konservativ bis in die Knochen, rümpften die Nase über „diesen Hitler und seinen Verein“. Das waren Proleten, damit wollte man nichts zu tun haben. Zu welchen Grausamkeiten diese „Proleten“ fähig waren und welche Gegengrausamkeiten das provozierte, sollte sich schon bald zeigen. An der Front wurde mein Vater vom lebenslustigen Pfadfinder zum harten Knochen und erbitterten Verteidiger des eigenen Hab und Guts.
Als meine Mutter in Oberhausen ankam, dachte sie, die Stadt stehe in Flammen
Als er meine Mutter kennenlernte, im Sommer 1941, war davon noch nicht viel zu spüren. Theo Gärtner und Lotti Schröder: Die beiden gefielen sich auf Anhieb. Theo, auf Heimaturlaub in Oberhausen, erzählte meiner Mutter, dass er gerne Journalist geworden wäre. Sie verheimlichte ihm ihren Beruf. Statt dessen fragte sie ihn, ob er nicht Lust hätte, sie ins Oberhausener Ballett zu begleiten. „Och“, meinte er, „Ballett, damit hab ich ja nicht so viel am Hute.“ „Aber Oberhausen hat ein vorzügliches Ballett“, insistierte meine Mutter. „Es wird Ihnen gefallen!“ Er willigte ein. Meine Mutter ging zu der Zeit an Krücken. Auf Theos Nachfrage, was denn passiert sei, behauptete sie, sie sei hingefallen. In Wirklichkeit war sie während einer Ballettprobe am Oberhausener Stadttheater durch den Bühnenboden gekracht, und ihre Kollegin war auf sie draufgefallen. Hüftfraktur. Lotti Schröder, gelernte Balletttänzerin, war von der Dresdener Semperoper nach Oberhausen gekommen, als klar wurde, dass sie für eine Solistin nicht gross und nicht zierlich genug war. „Sie können prima tanzen, aber in Dresden machen Sie nie Karriere“, hatte ihr Intendant zu ihr gesagt. „Sie müssen in die Provinz, da können Sie sich entwickeln, da haben Sie die besseren Möglichkeiten.“ Das passte der jungen, ehrgeizigen Tänzerin überhaupt nicht.
Als sie mit dem Zug in Oberhausen ankam, dachte sie, die Stadt stehe in Flammen. Sie hatte noch nie zuvor einen Hochofen gesehen. Im Hotel fragte sie nach dem Stadttheater. „Gleich gegenüber“, hiess es. „Einmal durch den Grillo-Park!“ Sie erkannte das Theater auch dann nicht als Theater, als sie direkt davor stand. „Mein Gott!“ dachte sie, nachdem man sie aufgeklärt hatte. „Dieser hässliche Kasten! Diese furchtbare Stadt! Und ich habe hier für ein Jahr unterschrieben!“ Aber dann tauchte Theo Gärtner auf. Lotti Schröder, wegen ihrer Hüftfraktur krankgeschrieben, überredete den jungen Mann zum Ballettbesuch. Auf der Gallerie, vor dem Eingang zum Saal, hingen die Portraits der Tänzerinnen. „Fräulein Schröder“, sagte Theo voller Ehrfurcht, als er meine Mutter erkannte, „das sind ja Sie!“ Von diesem Moment an wich er nicht mehr von ihrer Seite. Ein Jahr später heirateten die beiden in Hannover.
Mein Vater hat seine Pistole gezogen und geschrien: “Macht den Weg frei!”
Weitere zwei Jahre später lag das Leben meines Vaters in Trümmern. Er war entstellt, desillusioniert und schwer verletzt. In diesem Zustand wurde er nach Österreich versetzt, um dort Jugendliche in den Krieg zu schicken, denen genau derselbe Schicksalsweg bevorstand. Die Zustände in Berlin waren desolat in jenen Tagen. Wir haben den letzten Zug erwischt, der aus der Stadt rausfuhr. Man kann sich gar nicht vorstellen, was da für ein Gedränge herrschte, welche Panik. Mein Vater hat versucht, uns in den überfüllten Zug zu schaffen, und als ihm das nicht gelungen ist, hat er seine Pistole gezogen und geschrien: „Macht den Weg frei!“
Nun wohnten wir also in Fulpmes in einem Bauernhaus, unter einem Dach mit SS-Leuten, die vor den Russen und den Franzosen aus Berlin geflüchtet waren, und mein Vater bereitete sich darauf vor, die Panzernahkampfschule in Betrieb zu nehmen. Dann jedoch marschierten die Amerikaner ein. Als sie bis auf Zirl am Berg vorgerückt waren, fasste mein Vater einen Entschluss: Er entliess diese vierzig Jungs, die ihm unterstellt waren, Waisen aus Ungarn, aus Polen und aus Rumänien, die von den Deutschen eingezogen worden waren, und verteilte sich kurzerhand als Knechte auf die umliegenden Gehöfte, um ihnen die Kriegsgefangenschaft zu ersparen. Am nächsten Morgen kam ein Erschiessungskommando der Amis und zerrte die SS-Leute aus ihren Häusern. Auch meinen Vater nahmen sie fest. Wann immer er versuchte, sich zu Wort zu melden und zu erklären, er sei Wehrmachtssoldat und kein SS-Mann, haben sie ihn mit Tritten und Schreien zum Schweigen gebracht: „Shut up!“ Als meine Mutter das sah, stürzte sie aus dem Haus. In ihrer Verzweiflung schmiss sie sich auf die Erde, umklammerte die Stiefel eines Soldaten und schrie: „Das können Sie nicht machen, das ist mein Mann!“ Und weil sie so geschrien hat, habe ich so geschrien: „Pappele, Pappele!“ Und weil ich so geschrien habe, hat mein Bruder Jürgen auch geschrien. Wir haben alle drei geschrien wie am Spiess. Das hat den befehlshabenden Leutnant so irritiert, dass er im ersten Moment nicht wusste, wie er reagieren sollte. Diese Gelegenheit nutzte mein Vater und drehte sich um: „Ich bin kein SS-Mann, ich bin Wehrmachts-Offizier!“ Der Leutnant, ein Amerikaner namens Fuchs, dachte kurz nach und sagte dann: „Go home! Go home!“
Meinem Vater war klar, was das zu bedeuten hatte. „Ich verschwinde hier, ich gehe auf die Berge“, sagte er zu meiner Mutter. „Denn es kommt der nächste Trupp von Amerikanern, und dann geht alles wieder von vorne los.“ Er raffte zuhause etwas Proviant zusammen und versteckte sich für einige Wochen auf einer Alm. Dort oben hatte er wohl sehr viel Zeit zum Nachdenken. Als er wieder zurückkam, war er verzweifelt. Er schloss er sich in der Küche ein und wollte sich mit Tabletten das Leben nehmen. Seine Verwundungen, seine Entstelltheit, die Brutalität des Krieges, es holte ihn alles ein. Er wollte nicht mehr. Die Amerikaner haben ihn gefunden und ihn gerade noch rechtzeitig nach Innsbruck in die neurologische Klinik gebracht.
In der Milch schwappte immer ein Stück Butter. Das war damals unbezahlbar.
In dieser Klinik hat sich mein Vater erstmals richtig unterhalten mit den Menschen, die in seinen Augen bis dahin feindliche Besatzer gewesen waren, und das änderte alles: Als die Amerikaner feststellten, wie gut mein Vater Englisch sprach, setzten sie ihn als Dolmetscher ein. Von da an ging es uns gut. Wenn meine Mutter den Wunsch nach einem Stück Seife hatte oder nach einem Lippenstift, dann war der am nächsten Tag da. Von den Bauern, deren Anliegen mein Vater ins Englische und ins Französische übersetzte, bekamen wir jeden Abend anderthalb Liter Milch, und in der Milch schwappte immer ein Stück Butter. Das war damals unbezahlbar.
Wir blieben insgesamt ungefähr ein Jahr in Fulpmes. Was mir am besten in Erinnerung geblieben ist, ist der Hühnerstall in unserer Küche. Dort schliefen nachts an die fünf, sechs Hühner. Der Stall war ungefähr einsfünfzig hoch, ein Bretterverschlag mit einer Hasendrahttür. Wenn ich ungezogen war, oder was meine Eltern für ungezogen hielten, dann musste ich zur Strafe da rein. Einmal bin ich draussen beim Herummarschieren an einen Bach gekommen und habe kurzerhand meine Windel samt Hose ausgezogen und beides ins Wasser geschmissen. Das waren ja damals noch keine Pampers, sondern Stoffwindeln, die wurden schwer und scheuerten und an den Beinen, wenn sie sich vollgesaugt hatten. Das mochte ich überhaupt nicht. Ich kam also nachhause, im kurzen Leibchen, mit kleinen Halbschühchen, aber ohne Hose. Meine Mutter hat sich fürchterlich aufgeregt. Kleidung war teuer, die schmiss man nicht einfach weg. Ich musste zur Strafe in den Hühnerstall, und wenn man auf so einem Bänkchen sitzt, als kleines Kind, ist ein Huhn fast so gross wie man selbst. Ich hatte einen unglaublichen Schiss vor denen. Getan haben sie mir nie was, aber schief gucken konnten sie, und ich war immer ein einziger Flitzebogen vor Anspannung, bis ich jeweils wieder raus durfte.