LIEBE NACHBARN!
Auszug aus dem essayistischen Roman #STAYTHEF*CKATHOME - EIN JAHR DREHT DURCH, erschienen bei Tredition (2020)
Dieses Jahr 2020 – habt ihr euch nicht auch alle so viel davon versprochen? 2020! Die doppelt goldenen Zwanziger! Das muss doch glamourös, das muss doch bemerkenswert werden, das muss doch rocken! Und wie ein Rockstar kam dieses Jahr für mich zunächst auch daher, es war gefühlt mindestens David Bowie, der mich auf die Bühne geholt und mir das Blaue vom Himmel versprochen hat. Aber dann kam Corona, dann kam der Februar, es kam der März, und plötzlich hat dieses Jahr ganz andere Saiten aufgezogen. Es hat sich die Bowie-Maske vom Gesicht gerissen, darunter hervor kam Iggy Flop. Adieu Doppelgold, adieu schöne Töne, ich begrüsse den durchgeknallten Sänger und seine Krachband. Death Metal in übersteuerter Dauerschlaufe, bis die Trommelfelle bluten - das ist das Jahr 2020!
Iggy Flop ist für mich eine Metapher. Iggy ist die Stimme der Unvernunft, der Verunsicherung, die Stimme des Chaos, die uns alle seit Monaten quält und die leider einfach nie die Klappe halten kann. Ich rede oft mit Iggy in diesem Buch oder er mit mir, gerne auch ungefragt, am liebsten quatscht er ja dazwischen. Ich kann ihm nicht immer etwas entgegensetzen, aber manchmal gelingt es mir, ihn ein bisschen auszutricksen. Dann ist er nur noch nervig und nicht mehr ganz so furchteinflößend.
Mittwoch, 25. März
Ich singe heute das Lied vom Kiez, von Streifzügen durch Charlottenburg. Damals, als Iggy Flop noch nicht am Ruder war, da ging ich gerne auf Bummel-Tour, die lieben Nachbarn besuchen. Ich spazierte vom Olivaer Platz über den Ku'Damm in die Schlüter- oder Bleibtreustrasse, auf ein Roséchen ins Lubitsch oder auf einen Schnack zu Irene in die Gallery Schrill. Zack, war ein Stündchen verbummelt. Dann ging ich weiter, von der Bleibtreu in die Kant und in die Paris Bar.
«Na, Arschgeigen», begrüsste Frau Doktor, wen sie zu sich an den Tisch winkte. So sind sie, die lieben Nachbarn. Dann wurde philosophiert, über Alice Schwarzer, über vergessene Spazierstöcke und über Lumpensuppe. Manchmal begleiteten wir Frau Doktor noch nach hause, auf ihre schöne Terrasse.
Und zack – noch zwei Stündchen verbummelt.
Alle diese Verweil-Orte sind keine mehr. Sie stehen verwaist, die Fenster dunkel, die Türen verriegelt.
In der neuen Zeit spaziere ich auch oft durch den Kiez. Und ich bin gar nicht so viel schneller als früher. Das liegt an den Aushängen überall an den Haustüren, in den unterschiedlichsten Handschriften, auf Pappschildern, Postkarten, Notizzetteln. Die neuen lieben Nachbarn.
«Liebe ältere Nachbarn», schreibt Pauline aus dem zweiten Stock, «ich bin gerne bereit, Ihre Einkäufe für Sie zu erledigen. Bitte einfach bei Tür 15 klingeln. Liebe Grüße!»
«Liebe Nachbarn», schreibt ein Unbekannter einige Häuser weiter. «Ich habe gerade viel Zeit zum Lesen. Die ausgelesenen Bücher lege ich jeden Tag in diese Kiste. Schauen Sie gerne regelmässig vorbei und nehmen Sie mit, was Ihnen gefällt.»
«Liebe Nachbarn», schreiben Petra und Henning, «wir gehören nicht zur Risikogruppe und helfen gerne. Wir können mit Ihrem Hund spazieren gehen. Wir können auch auf Ihre Kinder aufpassen, falls Sie weiterhin arbeiten gehen müssen. Henning ist ausgebildeter Erzieher. Rufen Sie einfach an.»
Aus einer Parterrewohnung riecht es nach Backwaren. Am Fenster klebt ein Zettel: «Frisch aus dem Ofen! Ich backe täglich für Sie Brot und reiche es Ihnen zwischen 10:00 und 12:00 Uhr vormittags durch's Fenster. Das kostet für Sie nichts. Wir müssen jetzt zusammenhalten.» Ich denke an Melbourne und ans andere Ende der Welt, das nur einen Steinwurf entfernt schien, damals, vor Iggy Flop. Damals ging ich manchmal durch meinen Kiez und fand alles ein bisschen klein, ein bisschen eng und überschaubar. «Berlin hat doch so viel zu bieten», dachte ich da manchmal, «und wir latschen hier den immer gleichen Trampelpfad ab.»
Jetzt gehe ich durch diese altbekannten Strassen, und alles entzerrt sich, entzieht sich, die Häuser wachsen in die Höhe und die Strassen in die Breite. Alles ist über Nacht ausser Reichweite gerückt, als hätte ich aus Versehen vom Schrumpfkeks gegessen wie Alice im Antiwunderland. Ich denke daran, wie ich vor Iggy zwischen Berlin und Basel hin- und hergehüpft bin, beiläufig, die Reise ein Zug auf einem Brettspiel zwischen zwei anderen Tätigkeiten. Jetzt ist die Schweiz das gefühlte neue Ende der Welt, jetzt darf ich hier nicht einmal mehr das Nachbarhaus betreten.
«Ich bin der Passagier», singt Iggy. «Und ich fahre und fahre. Ich schaue fröhlich durch mein Fester. Ich sehe die Sterne in der Nacht hervorkommen.»
Ja, so ist es jetzt nicht mehr. Aber während sich mancherorts die Straßen leeren und die Türen zufallen, während die große Welt so still geworden ist, wuselt es im Kleinen vor geschäftiger Betriebsamkeit. Es ist die Zeit der Mikrokosmen.
«Herr Schröder!», ruft eine junge Frau. Sie steht mit einer Brötchentüte auf dem Gehsteig vor einem Haus. Im ersten Stock tritt ein älterer Mann auf den Balkon.
«Ach, die Julia», ruft er.
«Hallo Herr Schröder», ruft die Julia zurück. «Ich habe ihre Brötchen!»
«Ach ja, ja!», sagt der Herr Schröder und lässt an einer Schnur einen Blecheimer zu Julia herunter.
Ich beende meinen Spaziergang und mache mich auf den Heimweg. Ein Plakat fällt mir ins Auge.
«Misanthropie ist so Neunziger!», steht da. Werbung für einen Buchverlag, stelle ich auf den zweiten Blick fest, aber was soll's. Wir sitzen alle im selben Boot. Wir sind alle immer noch Passagiere. Fällt dir dazu etwas ein, Iggy? Nein? Mir schon.
«Singin' la-la-la-la-la-la-la-la», trällere ich auf dem Heimweg. «La-la-la-la-la-la-la-la!»
Als ich zuhause ankomme, steht das befreundete Paar auf der Strasse vor unserem Balkon, mit Rotweingläsern in den Händen.
«Wir waren spazieren und wollten mal 'Hallo' sagen», erklärt der Freund. «Besuch 2.0!»
«Prost!», rufen die zwei, von oben prostet Claus mit einem Bierchen zurück.
Ich liebe Besuch 2.0! Als ich ins Haus gehe, stelle ich fest: Auch an unserer Türe hängt jetzt ein Zettel.
«Liebe Nachbarn, wir sind für euch da. Ihr könnt ab sofort eure Speisen und Getränke bei uns abholen.» Eine Suppenbar um die Ecke, mit einer kleinen Auswahl an Gerichten, für kleines Geld.
«Sucht euch einfach etwas aus. Die momentane Situation erfordert unkomplizierte Lösungen.
P.S. Abstand bedeutet nicht Distanz!»
Liebe Nachbarn. Das sind wirklich liebe Nachbarn!