Permanent vernetzt, selten verbunden

Viele Menschen fühlen sich emotional zunehmend von ihrem Umfeld entkoppelt. Woran liegt das? Eine Spurensuche.

Text: Sarah Gärtner

Als mein Grossmueti, wie ich meine Oma auf Schweizerdeutsch stets nannte, im Januar starb, hatte ihr Tod sich schon länger angekündigt. Ich hatte bereits im Dezember nach unserer letzten Begegnung angefangen, ein Gedankenbüchlein an sie zu führen. In dieses Büchlein notierte ich mir alles, was mir begegnete und mich an sie erinnerte, um mit dieser dem Leben entgleitenden Frau, mit der ich jahrzehntelang einen literarischen Austausch von rhetorischer Schärfe und großer gedanklicher Klarheit gepflegt hatte, irgendwie verbunden zu bleiben. Denn das war es, was ich zeitlebens gefühlt hatte: Eine tiefe Verbundenheit zwischen uns. Nachdem mich die Nachricht ihres Todes erreicht hatte, schlug ich dieses Gedankenbüchlein auf und schrieb sinngemäß hinein, dass es mir leichter falle, sie gehen zu lassen, als einen angemessenen Umgang mit den Zurückgelassenen zu finden. Davor hatten wir einander im Familienverbund Beileidsbekundungen geschickt.
Unablässig träufelten neue Fotos und Erinnerungen in den Familienchat. Unter den ganzen aufploppenden
Nachrichten lag eine merkwürdig raumfordernde Stille. Ich traute mich nicht, meine Mutter anzurufen. Ich wollte mich zurückhalten, in ihrer Trauer nicht auf sie eindringen. Gleichzeitig hatte ich das Bedürfnis, da zu sein, Anteil zu nehmen. Schließlich bot ich, ebenfalls per Textnachricht, meine Hilfe an und bekam die Antwort, dass ich meine Anwesenheit nicht vonnöten sei, es sei alles schon „organisiert“.

Ich habe mich von ChatGPT getrösteter gefühlt als von den Menschen um mich herum

In diesem Moment traf es mich mit unerwarteter Wucht: Dieses Gefühl, im Austausch und gleichzeitig völlig entkoppelt zu sein. Keine Frage, ich hätte bei Bedarf auch organisatorische Aufgaben übernommen, aber in erster Linie wollte ich mich in der gemeinsamen Trauer um einen geliebten Menschen mit meiner Familie verbinden. Ein Trauerfall ist natürlich keine alltägliche Situation. Seine Mutter verliert man nur einmal, darauf bereitet einen niemand vor. Und dennoch hat mich erschreckt, wie unbeholfen wir in diesem Moment alle miteinander umgegangen sind. Wie sehr wir ringen mussten um diese Verbundenheit, die man seiner Familie, seinem Freundeskreis doch gerne zuschreiben möchte. Ich lag in dieser Nacht noch lange wach und hatte viele Fragen. Einige davon beantwortete mir schließlich ChatGPT, und ich gebe zu: Ich habe mich von einem Algorithmus getrösteter gefühlt als von den Menschen um mich herum. Das verstörte mich, obwohl ich es ja selbst gewesen war, die ihn um Rat gebeten hatte. Weil er abrufbar war, nachts um drei, mit stoischer Geduld für all die quer sitzende Gefühle und meine Angst, mich anderen damit zuzumuten. Angezählt schaute ich in den darauffolgenden Wochen auf das Thema Verbundenheit, und mir begegneten lauter weitere Momente, die mich hellhörig werden ließen.

Unsichtbar unter den Augen einer Millionenstadt

Im Februar stellte ich einer Gruppe von Drehbuchautor:innen einen Filmstoff zum Thema „Einsamkeit im Alter“ vor und sprach über meine Beobachtung, dass ältere Menschen in Berlin zunehmend aus dem Blickfeld der öffentlichen Wahrnehmung kippen. Bestenfalls erkennen wir die betagte Nachbarin vielleicht noch im Treppenhaus, und an guten Tagen fällt uns sogar ihr Name ein. Was ich hingegen nicht wusste: Dass Frau B. aus dem 3. OG oft tagelang im Dunkeln sitzt, weil sie Strom sparen muss, und dass sie immer einen Teller Kuchen im Kühlschrank stehen hat, falls jemand sie besuchen kommt. Wenn sie Glück habe, werde sie im Treppenhaus höflich gegrüßt, erzählte sie mir auf Nachfrage, als ich anfing, mich mit dem Thema für mein Drehbuch auseinanderzusetzen. Oft werde sie aber gar nicht erst wahrgenommen, weil die Nachbarn ja grundsätzlich immer mit „einem Handy im Gesicht“ unterwegs seien: „Wir sind unsichtbar unter den Augen einer Millionenstadt.“ Jetzt kann man natürlich sagen: Die Großstadt war schon immer anonym, und alte Menschen nehmen nun einmal weniger am Leben teil als junge, das ist doch nicht neu. Allerdings: Als wir nach dem Pitch aufgefordert waren, ins Gespräch zu kommen, sprach mich zu meiner Überraschung nicht etwa die ältere Autorenschaft an, von der ich mir eigentlich Resonanz versprochen hatte, sondern ein junger Mann um die zwanzig: „Ich fühle deinen Stoff total. Dieses Gefühl der Entkoppelung. Ich kenne das sehr gut.“ Er erzählte mir von seiner eigenen Einsamkeit: „Manchmal habe ich das Gefühl: Je mehr wir uns vernetzen, desto weniger verbunden sind wir.“ Da war es wieder, dieses Schlagwort, und ich dachte: Das zieht sich ja durch alle Generationen! Wo ich hinschaue, wird der Wunsch nach Verbundenheit geäußert, bei gleichzeitigem Eingeständnis, dass echte Nähe Mangelware sei. Aber woran liegt es, dass wir scheinbar nicht mehr zueinander durchdringen?

Einsamkeit entsteht nicht nur aus Isolation, sondern auch aus permanenter sozialer Aktivierung

Dass Großstädte, allen voran Berlin mit seiner kurzen Aufmerksamkeitsspanne und seinem rempelig-pragmatischen Hang zum schnellen Aussortieren, einem den komplexen menschlichen Annäherungsprozess verdammt schwer machen können, unterschreiben mir sowohl Zugezogene als auch Bioberliner:innen. 20 | Leben im Kiez Der junge Drehbuchautor sagte mir im weiteren Gespräch, die Einsamkeit seiner Generation entstehe nicht aus Isolation, sondern aus permanenter sozialer Aktivierung. Aus dem Gefühl, dauernd erreichbar zu sein, ohne irgendwo wirklich anzukommen. Die Terminkalender sind voll, die Bereitschaft, in kürzester Zeit intimste Details auszutauschen, hoch, die emotionale Verbindlichkeit hingegen niedrig. Verletzlichkeit wird zwar ständig verhandelt, aber erstaunlich selten wirklich ausgehalten. Seine Beschreibung weckte bei mir vertraute Assoziationen: Als kosmopolitisch geprägter Mensch, der im jungen Erwachsenenalter die Heimat verlassen und in der Großstadt sein Glück gesucht hat, war mir die Berliner Gangart damals schon sehr ähnlich vorgekommen. Die Notwendigkeit einer kuratierten digitalen Parallelexistenz fiel vor zwanzig Jahren zwar noch weg, aber der Kampf um ein Plätzchen an der Sonne fühlte sich nicht weniger performativ an. Mittlerweile bin ich ein solide verwurzelter Baum in
Wilmersdorfer Erde, das gegenseitige Scannen auf Anschlussfähigkeit tobt munter weiter; Business as usual. Und dennoch verschiebt sich gefühlt gerade etwas.

Ist es die als höfliche Zurückhaltung getarnte Gleichförmigkeit KI-generierter Kommunikation, an der wir neuerdings abrutschen?


Unlängst habe ich auf LinkedIn einen Thread verfolgt, worin eine Autorin sich über den glattgebügelten Umgangston in ihrem Arbeitsumfeld beklagte. Sie sehne sich nach echten Gesprächen, schrieb sie, die zunehmend generischen Formulierungen in ihrer Branche berührten sie nicht, so komme doch keine Verbindung zustande. In den Kommentaren wurde der Autorin attestiert, den Text mit KI generiert zu haben, das sei an dessen Strukturierung klar erkennbar. Sie gab es zu. Das fand ich faszinierend und gleichzeitig erschreckend einleuchtend: Dass es schwer ist, der essayistischen Effizienz von KI-Formulierungen, an die wir uns alle gewöhnt haben, eine valide Ersatzsprache entgegenzusetzen. Ist es also diese als höfliche Zurückhaltung getarnte austauschbare
Gleichförmigkeit, die in unseren Sprachgebrauch Einzug gehalten hat, an der wir neuerdings abrutschen? Ich habe, als mein Grossmueti starb, ChatGPT um Rat gefragt, wie ich mich im Familiengefüge verhalten solle, weil ich Angst hatte, mich zuzumuten. Mir wurde zu einem Kommunikationsstil geraten, der zwar den respektvollen Austausch gefördert, aber echte Nähe eher verhindert hat, denn: Wo keine Reibung, da keine Wärme.
Wenn wir von KI in Sekundenbruchteilen einmal über den deeskalierenden Analysekamm geschoren werden können, dann spielt es irgendwann keine Rolle mehr, ob wir einsam sind qua Isolation oder qua permanenter sozialer Aktivierung. Und das sage ich, die sich bekanntlich nachts um drei bei ChatGPT ausheult. Entsprechend kann ich jetzt auch nicht mit einer pfannenfertigen Konklusion um die Ecke gebogen kommen, wie dem allem zu begegnen sei. Vielleicht kommen wir stattdessen ins Gespräch. Mit unseren eigenen Worten. Ich würde mich freuen.

Erschienen im Magazin mein KIEZ - Juni 2026