Abends geh’n wir alle in die Böse Buben Bar

Mathias Reuter, Gastgeber in der Böse Buben Bar, Foto: ©Pavol Putnoki

Berlins einzige Literatur-Bar feiert 25-jähriges Bestehen

Ein Freitagabend in Mitte. Während sich vorn am Schiffbauerdamm die Touristenströme an der Ständigen Vertretung vorbeischieben, bleibt es weiter hinten in der Marienstraße auffällig ruhig. Hinter einer weinberankten Fassade verbirgt sich ein ganz besonderes Kleinod. Zwischen bis unter die Decke mit Büchern vollgestellten Holzregalen Mobiliar mit Patina, nietenbeschlagene Leder-Sitzbänke, alte Kneipenstühle, ein schwerer Tresen. Alles wirkt, als wäre es schon immer da, ist aber in Wirklichkeit erst zweieinhalb Jahrzehnte alt: Die Böse Buben Bar, Berlins einzige Literaturbar, feiert dieses Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Gastgeber Mathias Reuter ist mehr Wohnzimmeroberhaupt als geschäftsorientierter Kneipenwirt.

Text: Sarah Gärtner

Vom Hausmann zum Wirt

Reuter stammt aus Arendsee in der Altmark, wuchs in einer katholischen Familie inmitten einer säkularisierten DDR auf. Früh ein Außenseiter,
später Ausreißer: Nach seiner Ausbildung floh er 1989 über die Prager Botschaft in den Westen. Hannover wurde für viele Jahre seine neue Heimat, dort zog er mit seiner Familie vier Kinder groß.

Und dann entdeckte er mit Jugendfreund Stephan Schlage beim gemeinsamen Schlendern durch Berlin ein leerstehendes Lokal. Gastronomische Erfahrung: keine. Stattdessen: handwerkliches Geschick, Improvisationstalent und eine gewisse Planlosigkeit im Leben beider, die den Blick öffnete für Neues. Schnell wurde der Vermieter davon überzeugt, dass man zwar nicht viel Geld habe, aber auf jeden Fall welches verdienen wolle. Weitere Mitbewerber gab es ohnehin nicht.

Es waren andere Zeiten. Während Reuter sich als Hausmann zunächst weiter um die Familie in Hannover kümmerte und erst später nach Berlin nachrückte, zimmerte Schlage Regale ins Lokal, schleppte Möbel und Bücher an, der Bruder baute die Toiletten ein.
Teil des Konzeptes war es von Anfang an, auch Kultur zu veranstalten: Lesungen, Konzerte, Performances. „Die Spanplatte, die die Welt bedeutet“, so umschreibt Reuter liebevoll die kaum vier Quadratmeter große Bühne, die er zu diesem Zweck in den Raum gebaut hat. Sie duckt sich hinter die Tische, ist vollgestellt mit Tand, man könnte sie im ersten Moment glatt übersehen.

Reinhard Lakomy, Mark Zuckerberg und Frau Krause

Auch der kleine Reinhard Lakomy-Schrein im hinteren Teil der Bar fällt erst auf den zweiten Blick ins Auge. Der Berliner Komponist und Sänger inspirierte mit einer seiner Zeilen einst die Namensgebung:

„Abends geh‘n wir alle in die Böse-Buben Bar“, heißt es in seinem Lied Heute bin ich allein. Reuter ist mit Lakomy aufgewachsen, wie alle damals in der DDR. „Ich habe sein Management angerufen und gefragt, ob sie das Copyright auf den Namen haben; Böse-Buben Bar“, erzählt Reuter. „Hatten sie natürlich nicht. Und dann hab‘ ich gefragt, ob Lakomy nicht Lust hätte, Pate zu sein.“

Hatte er. Und saß bald regelmäßig in der Böse Buben Bar, gemeinsam mit seiner Frau Monika. Viele Gäste kamen seinetwegen, und als sein Platz irgendwann leer blieb, wurde konsequenterweise auch seine Trauerfeier in der Bar ausgerichtet. Aufgetreten ist er selbst allerdings nie, das übernahmen andere: Juli Zeh gab hier ihre Interviews, als sie noch niemand kannte. Uschi Obermaier-Darstellerin Natalia Avelon prä-sentierte ihr neues Album, wofür der ganze Raum umgebaut werden musste, weil die Spanplatte einige Nummern zu klein war. Und nicht nur die: Längst nicht alle, die rein wollten, passten auch rein, viele hörten sich das Konzert von draußen an.

Und auch Mark Zuckerberg war schon mal da, für einen Videodreh. „Die haben den Laden für einen Tag gemietet, alles abgehangen, die Möbel rausgeschleppt“, erinnert sich Reuter. „Frau Krause, Stammgast, eine alte Dame mit Perücke und Goldkettchen, platzt rein und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: ‚Was habt ihr mit meinem zweiten Wohnzimmer gemacht? Räumt das bloß alles wieder zurück! Wenn der Reuter das sieht!‘“

Zwischen Wohnzimmer, Bar und Büro

Um die ganz großen Namen ging es allerdings nie. Die Veranstaltungen sollen nahbar bleiben, zum Anfassen, und wenn oben auf der Bühne gelesen oder musiziert wird, sollen die Gäste unten an den Tischen weiterhin ihr Bier bestellen können, ohne dass jemand „Pssst!“ ruft. Die Gäste: Ein Kessel Buntes aus Kultur, Politik und Nachbarschaft, wobei die Nähe zum Berliner Ensemble und dem Deutschen Theater die Atmosphäre deutlich prägt: Für BE-Intendant Oliver Reese fungierte die Bar in seinen Anfangszeiten übergangsweise als Büro, er führte seine Besprechungen mit den Schauspielenden und den Gewerken bei laufendem Barbetrieb. Und auch das Publikum der beiden Häuser befeuchtet sich die Kehle nach der Vorstellung gern bei Reuter. „In vielen anderen Läden ist man Konsument, hier ist man Gast“, sagt dieser. „Die Theaterleute mögen das.“ Das Wohnzimmerflair ist auch dem Umstand zu verdanken, dass der Barbetrieb fest in Familienhand ist, von der Küche über den Tresen bis zum Service packen alle mit an.

Demnächst auf der Bühne: Jonny Götze & Claus Theo Gärtner

Das Konzept begeisterte auch Jonny Götze, ehemaliger Programmdirektor des Berliner Rundfunks und selbst leidenschaftlicher Musiker, der über die Jahre vom Gast zum Freund zum Mitveranstalter wurde und zahlreiche Konzerte und Lesungen organisierte.
Im Oktober wird er sich mit dem Berliner Schauspieler Claus Theo Gärtner auf die Spanplatte setzen, auf dem Plan steht eine musikalische Lesung: Gärtner erzählt Anekdoten aus seiner Berliner Zeit, Götze sorgt für die passende musikalische Untermalung. Als alter Westberliner hat Gärtner, der in den 70ern an der Schaubühne Theater spielte und neben David Bowie im Dschungel saß, Berlin von einer anderen Seite kennengelernt als Mathias Reuter, das ist wörtlich zu verstehen. Es dürfte spannend werden, was man sich da alles zu erzählen hat – auf und abseits der Bühne. ■

Erschienen im Stadt- und Kulturmagazin mein/4 - September 2025