Bookinista – Buchkultur am Fasanenplatz
Foto: ©Pavol Putnoki
„Aber nicht, dass die Leute dann bei einer Tasse Kaffee sitzen bleiben!“ Als Isabelle Krössin-Walzinger vor sieben Jahren ihre Buchhandlung Bookinista am Fasanenplatz eröffnete, bekam sie auch diesen gut gemeinten Rat. Ihre Antwort darauf war denkbar ungeeignet für einen Businessplan: Doch! Genau das sollten sie!
Text: Sarah Gärtner
Sie sollten Kaffee trinken, fünf Bücher anlesen, sich festquatschen und im Zweifelsfall wieder gehen, ohne etwas gekauft zu haben: „Ich will, dass die Leute verweilen, in diesen Büchern baden, etwas Schönes dazu trinken.“ Deshalb musste die Kaffeebar unbedingt ganz nach vorn in den Laden, obwohl der Wasseranschluss hinten lag und die Hausverwaltung wenig Lust hatte, auf den Extrawunsch einzugehen. Aber Isabelle Krössin-Walzinger setzte sich durch. Heute sitzt man zwischen Büchern und Espressotassen, auf dem Fasanenplatz laden Bistrotische zum Verweilen ein. Und aus der idealistischen Idee ist ein erstaunlich widerstandsfähiges Geschäftsmodell geworden.
„Ich habe den Ort geschaffen, den ich selber nirgendwo gefunden habe”
Dabei hatte die Romanistin, Übersetzerin und ehemalige Sprachdozentin des Auswärtigen Amtes im Grunde vor allem „den Ort geschaffen, den ich selber nirgendwo gefunden habe“. Die Bücher suchte sie selbst aus, anfangs schlicht ihre Lieblingsbücher. So entstand ein Schwerpunkt, der ursprünglich gar nicht geplant war: Aus Platzmangel stellte Isabelle Krössin-Walzinger auch Bücher ins Schaufenster hinter der Sitzecke, hauptsächlich Frauenbücher. Literatur von Frauen hielt sie schon immer für wichtig, und umso schöner war für sie, dass ihre Auswahl bei der Kundschaft auf enorme Resonanz stieß. So wurde das Schaufenster zum „Frauenschaufenster“, Kundinnen begannen Bücher daraus systematisch wegzukaufen und neue vorzuschlagen. Bis heute lebt die Auswahl von diesem Austausch.
Frauenliteratur bedeutet bei Bookinista dabei weder spezifisch weibliche Themenwelten noch die Behauptung eines genuin weiblichen Schreibens. Es geht um Perspektiven. Um Geschichten von und über Frauen, gesellschaftliche Zuschreibungen und Lebensentwürfe – und ausdrücklich nicht darum, daraus die nächste hermetisch abgeschlossene Blase zu bauen.
An den politischen Rändern wird Sprache unglaublich kalt
Ein Ansatz, der durchaus auch unbequem werden kann. Als Isabelle Krössin-Walzinger ein Buch von Alice Schwarzer auslegte, betrat eine junge Frau den Laden und forderte sie auf, es zu entfernen. Alice Schwarzer sei transfeindlich; allein das Ausstellen des Buches bedeute, sich mit ihr gemeinzumachen. Für Isabelle Krössin-Walzinger war die Forderung verstörend: „Nur weil man so tut, als würde die ungeliebte Perspektive nicht existieren, verschwindet die ja nicht.“ Lieber erlebt sie Kundinnen, die ein umstrittenes Buch aus dem Regal nehmen, beim Kaffee hineinlesen und anschließend sagen: Nein, das ist nicht meins. „Man darf sich mit der Haltung auseinandersetzen.“
Dazu passt Ute Cohen ziemlich gut. Die Schriftstellerin, die bei Bookinista am 12. September ihren neuen Roman Willents Brut und damit den letzten Teil ihrer Trilogie der Gewalt vorstellt, schreckt weder literarisch noch im Gespräch vor Untiefen zurück. In ihren drei Romanen Satans Spielfeld, Poor Dogs und Willents Brut untersucht sie sexuelle Gewalt, perversen Narzissmus und zuletzt die körperlichen Nachwirkungen nationalsozialistischen Denkens über Generationen hinweg. Willents Brut beginnt in einer beinahe schaurig-deutschen, dunkelromantischen Bildhaftigkeit und wird, als der Zeitgeist sich verändert, zunehmend fragmentarischer und nüchterner. Der Sprachrausch ist gewollt: „Gewalttätigkeit ist eben auch an ein rauschhaftes Denken gekoppelt.”
Das wirkt frappierend gegenwärtig. Denn mit der politischen Radikalisierung verändert sich auch Sprache: Sie wird brutaler, härter, die Bereitschaft, Ambivalenzen auszuhalten, kleiner. „An den Rändern ist alles unglaublich kalt”, stellt Ute Cohen fest. Das Einzige, was gegen diese Verhärtung hilft, ist der Dialog, darüber sind sich die beiden Frauen einig.
Die Kuratierung der Buchhandlung? Demokratisch!
Und der Dialog ist bei Isabelle Krössin-Walzinger nicht nur Schlagwort, sondern Arbeitsinstrument: Kundinnen dürfen ausdrücklich Titelwünsche anbringen. Manche kommen nach der Lektüre eigens wieder, um Bericht zu erstatten. Und auch die Literaturstudentinnen, die bei ihr arbeiten, steuern ihre Empfehlungen bei. Das macht Bookinista zu einer ziemlich demokratisch kuratierten Buchhandlung, eine Wechselwirkung, die den Laden fest im Kiez verankert hat. Schon während Corona zeigten sich Stammkundinnen handfest solidarisch: Man werde jetzt jede Woche ein Buch kaufen und jeden Tag einen Kaffee trinken. Aus dem wöchentlichen Buch wurde bei manchen bald ein tägliches: „Wir wollen, dass Sie bleiben!“ Inzwischen erlebt Isabelle Krössin-Walzinger ganze Familiengeschichten zwischen ihren Regalen: Frauen, die während der Schwangerschaft mehr Zeit zum Lesen hatten, später mit Säugling für eine kleine Auszeit wiederkamen, und heute ihre Kinder selbst die Bücher aussuchen lassen.
„Man kann nicht gleichzeitig bei Bookinista und vernünftig sein“
Dass Bookinista mehr ist als eine Buchhandlung mit ziemlich gutem Kaffee, merkt man spätestens, wenn man den Blick von den Regalen hebt. An den Wänden hängen Arbeiten wechselnder Künstlerinnen, häufig aus der Nachbarschaft. Vernissagen und Finissagen gehören ebenso zum Programm wie Konzerte: Das Jazzfest Berlin hat den Laden bereits zur Spielstätte gemacht, Alan Posener hat ein Buch über Bob Dylan geschrieben und hier dessen Songtexte mit seiner Band vertont, und das 26. Internationale Literaturfestival ist am 8. September mit einer Veranstaltung zu Gast. Es kommt auch vor, dass der Moderator einer Lesung im Anschluss zum DJ mutiert und den Fasanenplatz zum Tanzen bringt. Isabelle Krössin-Walzinger würde das gern wiederholen, am liebsten als Aperitivo-Reihe mit Literatur und Getränken draußen auf dem Platz. Wenn die Stühle draußen stehen, entsteht das, was sie von Anfang an wollte: Verweilmomente. Es wird gelesen, diskutiert, genossen. Manche wollten nur einen Kaffee trinken und verlassen den Laden mit fünf Büchern und sechs Postkarten. Den passenden Slogan dazu hat einmal mehr die Kundschaft geliefert: „Man kann nicht gleichzeitig bei Bookinista und vernünftig sein.“
Am 12. September darf die Vernunft dann gern noch ein bisschen länger draußen bleiben: Ute Cohen hofft für ihre Lesung auf ein Publikum, das mit ihr in die Untiefen gesellschaftlicher und sprachlicher Abgründe steigt. Auf einen gemeinsamen Nenner muss man dabei nicht kommen. Ins Gespräch schon. ■
Erschienen im Stadt- und Kulturmagazin mein/4, September 2026