Kunst ist Lebensmittel
Foto: © Pavol Putnoki
Als in der Brotfabrik in Berlin-Weißensee tatsächlich noch gebacken wurde, holte ein kleiner Junge nach dem Krieg dort jeweils die Brotzuteilung für sein Viertel ab. Später, als er längst Opa war, erzählte er seinem Enkel, dass er das zu verteilende Brot heimlich gegessen habe, hinten auf dem Handwagen.
Text: Sarah Gärtner
Besagter Enkel arbeitet heute selbst in der Brotfabrik, gebacken werden hier allerdings mittlerweile andere Brötchen: Stefan Kreißig leitet die Sparte Theater in der Brotfabrik und erzählt von ihrer bewegten Geschichte. Nach der Enteignung ihrer Besitzer wurde sie von der Bäckerei zur Selters-Fabrik zum DDR-Jugendclub, beherbergte in den 90ern die legendäre, von Max Goldt mitbetriebene Szenekneipe Geierwally und entwickelte sich dann zu einem Kulturzentrum und zu einem der letzten Mehrspartenhäuser der freien Szene Berlins – neugierig, fluid, lebendig.
Heute bündelt die Brotfabrik Programmkino, Theater, Galerie, Literaturkabinett und Kneipe unter einem Dach. Diese Vielfalt ist kein Marketingversprechen, sondern tägliche Praxis. Rund 300 Bühnenveranstaltungen jährlich treffen auf Ausstellungen, Workshops, Lesungen und Filmreihen.
Die Durchlässigkeit zwischen Kunst und Alltag ist die DNA der Brotfabrik
Stefan Kreißig bringt den Kern des Hauses auf eine einfache Formel: „Das Ziel ist wirkliche Begegnung.“ Und tatsächlich sortiert sich das Publikum hier nicht nach Szeneblasen. Im Idealfall, sagt Kreißig, sitzt „der ältere Herr im Anzug neben dem Typen, der nach der Vorstellung in den Club geht“. Dieser Anspruch prägt das gesamte Haus. Die Galerie arbeitet konsequent inklusiv und versteht Barrieren nicht in erster Linie als körperliche Einschränkung, sondern als gesellschaftliches Konstrukt. Kooperationen mit KünstlerInnen mit körperlichen Beeinträchtigungen und mit sozialen Trägern öffnen den Raum bewusst für unterschiedliche Perspektiven.
Auch die Literatur setzt auf Diskurs. Kurator Alexander Graeff umschreibt sein Programm als engagierte Gegenwartsliteratur, die sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzt, mit explizit identitätspolitischem und queerem Schwerpunkt. Lesungen sind hier keine Sender-Empfänger-Veranstaltungen, man kommt ins Gespräch und denkt Literatur als soziale Praxis. Diese Durchlässigkeit zwischen Kunst und Alltag ist die eigentliche DNA der Brotfabrik.
Dies wird auch auf der Bühne sichtbar. Ein Beispiel ist das Projekt „Vom Monolog zum Dialog“ in Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung, in welchem Ost- und Westbiografien perspektivisch aufeinandertreffen und öffentlich diskutiert werden. Kreißig beobachtet dabei ein wachsendes Interesse von beiden Seiten, aus dem Klischee-Denken auszubrechen. Auch weibliche Positionen werden in den von ihm kuratierten Stücken zunehmend verhandelt und haben eine kraftvolle eigene Sprache entwickelt.
„Hier ist immer eine Türe offen, für jeden!“
Mit nur 50 Plätzen ist das Theater zudem auch Labor für Nachwuchskünstler*innen. „Man darf bei uns scheitern“, sagt Kreißig. Was wie ein Nebensatz klingt, ist kulturpolitisch eine Ansage. In einer Stadt, in der Produktionsdruck und Sichtbarkeitslogiken wachsen, behauptet die Brotfabrik den Wert des Ausprobierens. Die Nachwuchsförderung ist keine Randnotiz, sondern strategischer Schwerpunkt. Junge Teams entwickeln hier ihre ersten Arbeiten, vernetzen sich, kehren mit neuen Projekten zurück. Für viele ist das Haus ein Durchlauferhitzer im besten Sinne: intim genug für Risiko, professionell genug für ernsthafte Entwicklung.
Gleichzeitig bleibt die Brotfabrik tief im Kiez verankert. Impro-Wochenenden, Jazzreihen und Konzerte lokaler MusikerInnen holen bewusst auch die Nachbarschaft ins Haus. Der Anspruch dahinter ist klar formuliert. Im Vorstand gelte die Grundlinie eines „inklusiven Hauses“, in dem Toleranz und Austausch zentrale Werte sind, berichtet Kreißig. Die Türen der Kneipe stehen mit Ausnahme von zwei Tagen rund um’s Jahr offen – ein bewusst gepflegtes Erbe der DDR-Jugendclubkultur und persönliche Handschrift des Vereinsgründers Jörg Fügmann.
„Natürlich wäre es schön, wenn wir uns strukturell solider aufbauen könnten.“
Doch so viel Engagement trifft auf eine strukturell angespannte Realität. Die Bühne erhält aktuell rund 80.000 Euro Förderung pro Jahr. „Sehr, sehr wenig Geld“, wie Kreißig offen sagt, um einen professionellen Betrieb zu sichern. Die anderen Sparten müssen ihre Anträge separat stellen und werden projektweise gefördert, etwa von der Aktion Mensch, aber es bleibt ein hartes Brot. Vieles wird durch Querfinanzierung, Eigenleistung und ein großes ehrenamtliches Netzwerk getragen. Der Wunsch nach einer stabileren Gesamtförderung für das Haus steht entsprechend im Raum.
Dass die Brotfabrik dennoch kontinuierlich arbeitet, liegt vor allem an der Beharrlichkeit ihrer Akteur*innen, und an ihrer programmatischen Neugier. Ein aktueller Ausblick zeigt, wohin die Reise geht: In Kürze findet hier die Vorpremiere der Produktion „Liebe und Vorurteil 2.0“ von Sara Flaadt statt. Das Projekt verhandelt die Macht künstlicher Intelligenz und die Möglichkeit von Nähe zwischen Mensch und Maschine. Themen, die exemplarisch für die diskursorientierte Programmatik des Hauses stehen.
Wer den Ort besucht, merkt schnell: Hier geht es weniger um perfekte Oberflächen als um Reibung, Austausch und künstlerisches Wagnis. Oder, um es mit einem Satz aus dem Haus zu sagen: Kunst ist hier tatsächlich Lebensmittel.
Erschienen im Stadt- und Kulturmagazin mein/4 - März 2026