Klick-Kino: Ein Don Quijote des Kiezes

Foto: ©Pavol Putnoki

Das kleine Klick-Kino in der Windscheidstraße am Stuttgarter Platz ist, filmisch betrachtet, ein Don Quijote des Kiezes: Oft zu Boden gegangen, noch öfter wieder aufgestanden, nach jedem Straucheln umso ver-wurzelter mit seiner Umgebung.

Text: Sarah Gärtner

Gegründet vor über 100 Jahren, war es lange ein klassisches Programmkino, geriet jedoch in Bedrängnis, als das Publikum sich zunehmend in die angeschlossene Raucherkneipe im Vorderraum verlagerte: In den 90er-Jahren wurde hier mehr geraucht und getrunken, als im Saal Filme gesehen. Anfang 2000er folgte die Insolvenz, ein Concept Store übernahm die Räume, nutzte Foyer und Café für Malkurse – bis Christos Acrivulis kam.

„Ich wollte unbedingt ein eigenes Kino haben“, sagt er. Als Filmverleiher kannte er die Wege der Filme ins Kino, aber nicht den Moment, wenn Publikum und Leinwand einander begegnen: „Mir hat der direkte Kontakt mit den Zuschauern gefehlt.“ Also erstellte er eine Liste aller stillgelegten Häuser in Berlin, besichtigte eines nach dem anderen, und blieb beim Klick hängen. „Ich bin in den Saal gegangen, und es war perfekt“, erinnert er sich. Der fast originale Zustand, die Intimität des Raums.

Der Kiez hat das Kino vermisst

2017 begann er ein einjähriges Experiment und veranstaltete im Kinosaal täglich Filmvorführungen mit Gästen. Das Publikum kam sofort zurück. „Der Kiez hat das Kino vermisst“, sagt Acrivulis. Doch die Euphorie bekam einen Dämpfer, als der Concept Store Insolvenz anmeldete und er als Untermieter seinen Vertrag verlor. „Ich dachte, es ist vorbei.“ Aber die Nachbarschaft sah das anders. Eine Anwältin bot Unterstützung an, zwei Freunde halfen beim Aufbau einer GmbH. Und so entstand eine kleine Allianz, die 2020 in einen eigenen Mietvertrag mündete.

Und dann kam Corona. „Ich saß auf dem Fahrrad und dachte: Was mache ich jetzt?“ Auf dem Weg ins Kino entdeckte er in einem Schaufenster zwei Stofftiere auf kleinen Stühlen. Die Idee war so schnell da, dass er sein Fahrrad einfach stehen ließ, in den Laden stürmte und der Inhaberin eine Kooperation anbot. „Wir haben von ihr fünfzig Stofftiere bekommen, jedes ein Unikat, und damit jeden zweiten Sitzplatz belegt.“ Was als pragmatische Abstandsregel begann, wurde zu einer Kiezanekdote. Die meisten Tiere verkaufte Acrivulis später. Einige wenige blieben, als Maskottchen und zur Erinnerung.

Kino und Café – eine interdisziplinäre Symbiose

Im Vorderraum entwickelte sich parallel ein eigenes Ökosystem: Das Café Klick, geführt von Brit-Jeannette Grundel, selbst Filmemacherin und leidenschaftliche Bäckerin und Köchin. Ihre Quiches und Kuchen sind legendär. „Das Café ist unsere Visitenkarte“, sagt Acrivulis. „Die Leute wollen heutzutage nicht nur einen Film sehen, sie wollen reden, Kaffee trinken, bleiben.“

Mittlerweile ist aus dem Café Klick ein Treffpunkt geworden, der unabhängig vom Kinoprogramm funktioniert: Brit führte musikalische Themenabende ein, französische, argentinische. Dazu kommt neuerdings eine monatliche Comedyshow. Im Kinosaal selbst entfaltet sich ein Programm, das vielschichtig, aber nie beliebig ist. Architekturfilme in Kooperation mit der Architektenkammer, ein Buch-Mittwoch, der Bücher mit thematisch passenden Filmen verknüpft, eine queere Filmreihe, Nachwuchs-screenings, Retrospektiven zu vergessenen oder wiederzuentdeckenden Künstlerund Künstlerinnen.

Bekannte Namen als Kinopaten

Bemerkenswert ist auch das Patenformat: Jeden Monat übernimmt eine bekannte Persönlichkeit aus der Branche die Filmpatenschaft. „Auch das hat seinen Ursprung in der Corona-Zeit“, erzählt Acrivulis. „Wir eröffneten das Kino in einer Zeit, als andere schließen mussten. Ich musste mir etwas einfallen lassen. Und da lief mir zufällig Lars Eidinger über den Weg und sagte: Ich helfe dir!“ Eidinger war der erste Pate, es folgten weitere: Katja Riemann, Jasmin Tabatabai, Rosa von Praunheim. Das Konzept: Acrivulis zeigt einen Film aus der Filmografie seines Gastes. Zusätzlich präsentiert der Gast seinen eigenen Lieblingsfilm: „Lieblingsfilme sind ein spannendes Thema, in vielen Fällen haben sie Karrieren geprägt.“ Manche Filmpaten wohnen selbst im Kiez, andere kommen auf Empfehlung.

Im November war Pierre Sanoussi-Bliss Pate; er präsentierte seine neue Biographie Den Rest hab ich verdrängt und den von ihm produzierten Film Weiber!, im Dezember übernimmt Ulrich Matthes.

Das alles geschieht ohne reguläre Förderung durch die Stadt. Finanziell trägt sich das Kino über Preisgelder, etwa vom Medienboard oder der FFA, und über ein Publikum, das sich mit dem Haus verbunden fühlt. Das gedruckte Programmheft, das viele Stammgäste sammeln, ist mehr als ein Gimmick, es ist eine Liebeserklärung an die sorgfältig kuratierten Formate.

2024 war das Klick-Kino erstmals Austragungsort von Berlinale im Kiez. Und es setzt sich weiterhin ambitionierte Ziele. „Wir müssen das machen!“, sagt Acrivulis. Ein Satz, der schlicht klingt, und präzise umreißt, was das Klick-Kino als Kiezkino zu der Kämpfernatur macht, die es ist. ■

Erschienen im Stadt- und Kulturmagazin mein/4, Dezember 2025