Wilmersdorf, Wolle, Wahnsinn
Wenn man Lilli Berlin besucht, besucht man auch ihre Teddys. Viele Teddys. Sehr viele. Jeder mit Geschichte, jeder mit Charakter. Sie wohnen mit Lilli in Wilmersdorf, seit Jahrzehnten. Erst Ludwigkirchstraße, später Xantener Straße. Ein Kiez, der ihr nicht nur Adresse, sondern Biografie ist.
Text: Sarah Gärtner
Lilli Berlin, eigentlich Ursula Lina Hildegard, hat früh gelernt, für sich einzustehen. Schon als kleines Mädchen in Hamburg, als sie - auf Rollschuhen - einem Jungen eine Ohrfeige verpasste, weil der ihren Bruder „Baby“ nannte. „Der hat vielleicht geguckt“, sagt sie und grinst verschmitzt. Diese Mischung aus Schutzinstinkt, Frechheit und Humor zieht sich durch ihr ganzes Leben.
Früh steht Lilli auf der Bühne. Ballettunterricht bei Anneliese Sauer, die Besetzungsleute vom Hamburger Operettenhaus kommen regelmäßig vorbei – und Lilli bekommt kleine Rollen. Sie ist acht, neun Jahre alt, verdient eigenes Geld, kauft sich die Bravo und Micky Maus-Hefte. Und entwickelt ihren ganz eigenen Stil.
Anderssein als Bestätigung
Mode ist von Anfang an Teil ihrer Geschichte. Die Mutti, Hausfrau und Schneiderin im Herzen, näht ihr die Kleider der anderen Ballettschülerinnen nach, nach Lillis Zeichnungen. Lilli läuft herum wie niemand sonst. Eine Oma findet das großartig, die andere wechselt die Straßenseite, wenn sie sie von Weitem sieht. Lilli nimmt beides als Bestätigung.
Ein Autounfall beschert ihr als Jugendliche einen Schmiss am Kinn, ein Schönheitschirurg schickt sie zur Heilung nach Sylt. Dort landet sie im „KC“, einem der ersten Schwulenclubs. Und findet etwas, das sie gar nicht gesucht hat: eine Familie. Männer, die sie mögen, weil sie anders ist. Als ihre Freunde nach Berlin ziehen und dort das Mini-Metro beim Reichskabarett eröffnen, holen sie Lilli nach in ihre WG. Gleich auf ihrem ersten Spaziergang von der Ludwigkirchstraße zur Lietzenburger wird sie von einem Mann angesprochen: „Sie sehen so süß aus und so anders!“ Es ist Rosa von Praunheim. Willkommen in Berlin!
Ein Teddy reist um die Welt
Es folgen bewegte Jahre. Lilli steht mit Hair im Theater des Westens auf der Bühne, geht auf internationale Tournee. Die Hotels sind anonym, die Abende einsam. In einer fremden Stadt kauft sie sich einen Teddy. „Ich stehe jeden Tag auf der Bühne und komme dann allein in ein leeres Hotelzimmer“, sagt sie. Der Teddy wird Wolle getauft – von der tschechischen Band, die sauer ist auf Lilli, weil sie für den Ausflug in den Plüschtierladen die Probe geschmissen hat. Später findet Lilli heraus, dass „Vole“ auf tschechisch „Dummkopf“ bedeutet. Sie kann darüber herzlich lachen. Wolle reist mit, bis nach Rom: Federico Fellini holt sie für seinen Film Casanova in die Cinecittà. Er besucht die Maskenprobe, sagt: „Dein Gesicht ist besser ohne Augenbrauen!“ Lilli macht aus dem Vorschlag ein Markenzeichen.
Fellini lässt für Wolle kleine Säckchen nähen, passend zu jedem Kostüm. Es wird sehr viel gewartet und wenig gedreht. Und Lilli bleibt Lilli. Sie geht, wenn Bedingungen nicht stimmen. Sie haut mit der Faust auf den Tisch, wenn man von ihr erwartet, umsonst zu arbeiten: „Ich muss meine Miete zahlen!“
Ostberlin – Wahnsinn
Sie hat schließlich die Nase voll von Dreharbeiten und will lieber Rockmusik machen. Mit einem Demo macht sie sich auf die Suche nach Musikern und Produzenten, lehnt höflich ein Angebot von Udo Lindenberg ab, und landet bei Hansa. Als die Plattenfirma fragt, wie sie sich nennen will, ist die Antwort schnell klar. Am Vormittag sitzt Lilli noch bei Hanna Schygulla in der Maske, draußen am Ku’damm dreht Fassbinder Lili Marleen. Am Nachmittag sagt sie: „Lilli Berlin!“
Lilli – nach Fassbinders Film. Und nach ihrem WG-Kumpel Thomas, der sich Lilli genannt hat, mit zwei „L“, und der mittlerweile an Aids gestorben ist. Ihr späterer Ehemann, der Musiker und Schauspieler Jürgen Barz, schreibt die Texte. Ostberlin – Wahnsinn landet auf Platz eins bei RIAS und beim SFB. Die Menschen im Osten hören das Lied heimlich draußen auf der Straße. Die Mauer steht noch, die Musik fliegt drüber. Und auf der Bühne fliegen die Teddys, es werden immer mehr. Manchmal rettet Lilli auch welche auf Flohmärkten.
Lieber futuristisch als tantig
Parallel wächst eine andere Karriere: Mode. Und wieder ist ein Autounfall die Initialzündung. Lilli muss mit Gehirnerschütterung das Bett hüten und fängt an zu stricken. Dicke Mohair-Pullis mit Frackschößen. Die Offline, eine alternative Modemesse, wird auf sie aufmerksam. Lilli darf mit ihrer ersten Modeschau die Messe eröffnen, als Soundtrack wählt sie Wagners Ritt der Walküre. Und landet damit erneut im Fernsehen. „Das ging immer irgendwie ganz gut!“ fasst sie ihr außergewöhnliches Leben lakonisch zusammen.
Heute ist es ruhiger geworden. Lilli hält die Wohnung sauber, geht spazieren, macht Sport. Kein Brimborium, kein Rückblick mit Wehmut. Sondern das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.
Und die Teddys? Die bleiben. In Wilmersdorf. Wo sonst. ■
Erschienen in meinKIEZ Wilmersdorf, ein Kiezmagazin des Berliner Stadtmagazins mein/4 - Februar 2026