Wunder, Wind und Waldemar

Chansonsänger Enno Kraus, Sozialwissenschaftlerin Judith Kessler, Foto: © Pavol Putnoki

Text: Sarah Gärtner

Die MS Goldberg liegt in Spandau. Das reicht in Berlin bekanntlich schon fast als Abschreckung. Die Havel schwappt bräunlich gegen die Schiffswand, der Zugang zur Uferpromenade duckt sich an einer wasserfleckigen Betonfassade entlang. Im Winter, erzählt die Sozialwissenschaftlerin und
Biografieforscherin Judith Kessler, müsse man hier „mit nem Blindenhund langgehen“, so schlecht sei der Weg beleuchtet. Und doch passt gerade das erstaunlich gut zu diesem Ort: Die MS Goldberg, ein ehemaliger Lastenkahn, greift lieber zur Schippe als zum Poliertuch. Hier wird ergründet, was verbuddelt worden ist, was in Vergessenheit geraten ist – aber auch, wo Neues entsteht.

„Jüdische Kultur ist keine in sich geschlossene Minderheitenveranstaltung“

Entstanden ist das Projekt aus der Überzeugung, dass jüdische Kultur in Deutschland viel zu oft entweder folklorisiert oder zur historisch beladenen Zone erklärt wird. Kessler wollte etwas anderes: einen Ort, der zeigt, dass „jüdische Kultur keine in sich geschlossene Minderheitenveranstaltung ist“, wie sie sagt. „Das kann etwas zur Verbindung beitragen.“ Gemeinsam mit dem Verein Discover Jewish Europe suchte sie ursprünglich einen festen Ort in Berlin für jüdisches Theater und Kulturarbeit. Als das scheiterte, wurde man aus der Not flexibel: Ein Theaterschiff sollte es werden, das anlegen, weiterfahren, andere Städte erreichen kann. Schließlich fand die Gruppe ein ausrangiertes DDR-Frachtschiff von 1964, das früher Kies und Sand transportiert hatte. Mithilfe der LOTTO-Stiftung wurde daraus ein schwimmender Kulturraum, mit Bühne, Zuschauerraum, Bar und
Backstagebereich.

Erinnerungen werden lieber zerlegt als konserviert

Heute entsteht hier ein Programm, das inhaltlich breit aufgestellt ist und sich nicht scheut, unbequeme Grau- zonen auszuleuchten. Die Reihe Meet the Rabbi bringt Rabbiner:innen mit Schulklassen oder Polizeianwärter:innen ins Gespräch. In Abrahams Familiengeschichten werden Judentum, Christentum und Islam weniger als Gegensätze verhandelt denn als komplizierte Verwandtschaftsverhältnisse. Ergänzt werden die Diskussionsreihen durch Theaterabende, Filmvorführungen, Lesungen. Der Verein interessiert sich sichtbar mehr für Überschneidungen als für Abgrenzung, Erinnerungen werden lieber zerlegt als konserviert. An diesem Punkt setzt auch das neue Programm Wunder, Wind und Waldemar an. Gemeinsam mit Chansonsänger Enno Enno Kraus und der Pianistin Alba Gentili-Tedeschi widmet sich Judith Kessler darin dem Textdichter Bruno Balz, einem Mann, dessen Schlager fast jeder kennt.

Balz schrieb Zarah Leander Hits wie Kann denn Liebe Sünde sein und Davon geht die Welt nicht unter auf den Leib und machte sie zum Star, er war homosexuell, bewegte sich früh in queeren Kreisen und wurde später zur Projektionsfläche sehr unterschiedlicher Erinnerungspolitiken. Einst als Hitlers Hitschreiber verschrien, stilisierte man ihn in den 90ern zum schwulen Opfer des Regimes und zum stillen Widerstandskämpfer, der seine unvergesslichen Hits in den Folterkellern der Gestapo geschrieben haben soll, wie es auf seinem Gedenkstein steht. „Endlich durfte man wieder Zarah-Leander-Lieder hören“, kommentiert Kessler die späte Reinwaschung ironisch. Sie hat über Balz‘ widersprüchliche Biografie ein Buch geschrieben und sich dabei weniger für die Heldenlegende als für den Umstand interessiert, dass das Phänomen, Biografien zu schönen oder zu dramatisieren, sich durch alle marginalisierten Gruppen zieht.

„Die KZ-Häftlinge haben sich davon auch getröstet gefühlt“

Gebrochen wird die biografische Erzählung über Lieder, Laster und Legenden auf musikalischer Ebene: Enno Kraus singt nicht einfach nostalgische Schlager nach, sondern versucht, wie er sagt, „diesen Firnis, der da dran sitzt, deutlich zu machen“. Ihn interessieren weniger die Lieder selbst als das, was ihnen anhaftet: „Manchmal kann ja, was ernst gemeint war, etwas Komisches kriegen. Und hinter Dingen, die eigent- lich nicht ernst gemeint sind, verbirgt sich vielleicht etwas Tragisches“. Kessler und Kraus bleiben bewusst ambivalent, Bruno Balz erscheint weder als Widerständler noch als bloßer Opportunist, sondern als Figur voller Widersprüche. Dass Ambivalenz nicht Distanz bedeutet, wird spürbar, wenn Kessler von ihrem Onkel Mietek erzählt, einem KZ-Überlebenden, der ihr als Kind Zarah-Leander-Lieder vorsang, weil diese Musik ihm beim Überleben geholfen habe: „Die Wachmannschaften haben das über Lautsprecher rauf- und runtergespielt. Und die KZ-Häftlinge haben sich genauso daran hochgearbeitet, die haben sich davon auch getröstet gefühlt.

Das ist überhaupt eine der spannendsten Qualitäten der MS Goldberg; dass sie einfache kulturelle Zuschreibungen auflöst. Bruno Balz ist kein Jude, und trotzdem passt der Abend programmatisch genau hierher. „Das ist ja das, was uns vereint“, sagt Kessler über Juden und Homosexuelle im Nationalsozialismus: „gleichermaßen beäugt oder verfolgt zu werden.“ Beim näheren Hinsehen ist der Titel des Abends, Wunder, Wind und Waldemar, auch eine Umschreibung dessen, was dieses Schiff ausmacht. Hier wird, wie gesagt, nicht mit dem Poliertuch gearbeitet. Es wird gebuddelt, nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, wo jeder andocken kann. Also nach Liedern, Lastern und Legenden. ■

Erschienen im Stadt- und Kulturmagazin mein/4 - Juni 2026