Die 20er Jahre haben Berlins Identität geformt
Foto: © Alek Bruessing
Entertainer Sven Ratzke über seine Liebe zu Berlin und seine neue Show
Wer sich mit Sven Ratzke befasst, stößt auf Lob in den höchsten Tönen und auf schillernde Vergleiche: Als „Lovechild of David Bowie and Eddie Izzard“ wird er beschrieben, als „Cabaret Supernova“ oder als „Homme fatale“. Der 1977 geborene Entertainer schmunzelt über diese Zuschreibungen, empfindet sie durchaus als Kompliment – und lässt sich dennoch nicht darauf festlegen. „Ich mag es, mich als Künstler immer wieder neu zu erfinden“, sagt er. „Das regt nicht nur die eigene Vorstellungskraft an, sondern auch die des Publikums.“ Ratzke lebt zwischen Amsterdam und Berlin, spielt weltweit in den großen Häusern von New York bis Sydney, und doch führt jeder Weg seiner Kunst zurück nach Berlin.
Text: Sarah Gärtner
Dass diese Stadt sein Schaffen entscheidend prägen würde, war Ratzke zunächst gar nicht bewusst. Aufgewachsen nahe der niederländisch-deutschen Grenze, halb Holländer, halb Deutscher, fühlte er sich lange heimatlos. Obwohl der Großvater ihm den urberlinerischen Nachnamen Ratzke in die Wiege gelegt und ihm den Berliner Dialekt beigebracht hatte, kam Ratzke erst spät, Ende der Neunziger, zum ersten Mal in die Hauptstadt und erlebte einen Moment, den er heute als Schlüsselerlebnis beschreibt. Als er am Lehrter Stadtbahnhof aus dem Zug stieg, packte ihn das Gefühl, angekommen zu sein. „Es war, als würde ich den Ozean sehen. Auf einmal wusste ich: Hier gehöre ich hin“, erinnert er sich.
Eine ganz eigene Cabaret-Tradition
Berlin empfing ihn nicht nur mit offenen Armen, sondern gleich mit künstlerischer Wahl-verwandtschaft. In den ersten Tagen lernte er Menschen kennen, die bis heute zu seinem engsten Freundeskreis gehören. In der Bar jeder Vernunft entdeckte er ein Cabaret, das Persönlichkeiten wie Georgette Dee oder Tim Fischer prägten. Dort verstand er, dass das, was ihn faszinierte – mit Musik Geschichten zu erzählen, Grenzen spielerisch zu verwischen, Queerness als künstlerische Freiheit zu leben – in Berlin eine ganz eigene Tradition hat.
„Berlin ist wie meine Liebhaberin“, sagt Ratzke. „Ich will nicht ständig hier sein, aber es ist jedes Mal ein Ankommen, ein Zuhause, eine Inspiration“. Erst im Rückblick wurde ihm klar: Alle seine großen Projekte – von Hedwig and the Angry Inch über Starman mit den Songs David Bowies bis zur Verkörperung Marlene Dietrichs – hatten ihren Ursprung oder ihr Echo in Berlin. Bowie, Marlene, Brecht, Weill: Sie alle sind Figuren, die mit dieser Stadt untrennbar verbunden sind.
Im Nachhinein ist alles miteinander verwoben
„Wenn man Rom entdecken will, folgt man den Ruinen“, sagt Ratzke. „In Berlin sind es die Schatten, die, wenn man lange genug hinschaut, wieder zum Leben erwachen.“ Und so spiegeln sich in seinen Shows stets die Schatten und Lichter der Metropole. In Hedwig verkörperte er eine queere Kultfigur mit Berliner Biografie. In Starman griff er unter anderem auf Bowies Berliner Jahre zurück, jene Phase, in welcher der Brite seine kreativsten Alben schrieb. Mit Marlene schlüpfte er 2023 in die Haut der wohl berühmtesten Berlinerin, die als couragierte Grenzgängerin auch international das Bild Deutschlands prägte. „Im Ausland ist der „böse Deutsche“ immer noch Thema. Marlene hat gezeigt, dass es auch anders geht. Und das kann ich als Künstler weitertragen“, sagt Ratzke. Die Verbindung zwischen Ratzkes Kunst und Berlin ist dabei weniger Kalkül als innere Logik: „Ich habe nie gesagt: Jede Show muss etwas mit Berlin zu tun haben. Aber im Nachhinein ist alles miteinander verwoben“.
Berlin ist nicht nur Ort, sondern Lebensgefühl: Freiheit, Eigensinn, Lust am Experiment. Werte, die sich durchziehen von den Zwanzigern bis heute, und die Ratzke immer wieder aufgegriffen hat.
Tanz auf dem Vulkan
Ratzkes künstlerische Arbeit gleicht einer Spurensuche. Bevor er eine neue Show entwickelt, taucht er tief in die Welt seiner Figuren und Themen ein, recherchiert, sucht darin auch die Verbindung zu sich selbst. „Ein Stoff muss mich lange beschäftigen“, sagt er, „und lange nachschwingen.“ Nur so kann etwas Neues, Eigenes entstehen; Ratzkes Handschrift.
Nun kehrt er mit Tanz auf dem Vulkan direkt in jene Zeit zurück, die den Mythos Berlins weltweit begründete. In den 20er-Jahren war die Stadt ein brodelndes Labor für Kunst, Nachtleben und gesellschaftliche Utopien. Ratzke sieht darin mehr als nur ein schillerndes Dekor:
„Die 20er-Jahre sind gerade hier in Berlin für viele ein Klischee. Für mich sind sie viel mehr. Berlin zieht seine ganze Anziehungskraft und Identität ursprünglich aus dieser Zeit. Es war auch das Jahrzehnt der Frauen. Sie waren unabhängig, frei, stark – bis die Nazis alles zerstörten. Heute lohnt es sich, daran zu erinnern. Denn vieles, was damals bedroht war, ist es heute wieder.“
Hommage an eine Stadt, die mehr ist als Kulisse
Die neue Show ist furios und zart zugleich. Gemeinsam mit dem renommierten Streichquartett Matangi bringt Ratzke Kurt Weill in eine völlig neue Klangwelt – zwischen Swing, Chanson und filmischem Kopfkino. Auf der Bühne begegnen wir Ikonen wie Josephine Baker, Anita Berber oder Brecht, und zugleich blitzt Ratzkes persönliche Familiengeschichte auf: Er trifft beim Schlendern durch die Friedrichstraße auf seinen Berliner Großvater, der als achtjähriges Kind die Geige seines Vaters trägt.
„Es ist kein Geschichtsunterricht“, betont Ratzke. „Es geht darum, die Energie dieser Zeit spürbar zu machen, die Hoffnung, die Ekstase, aber auch die Bedrohung“. Wenn am 1. Oktober 2025 im Berliner Renaissance-Theater die Deutschland-Premiere steigt, ist es mehr als eine weitere Show eines international erfolgreichen Künstlers. Es ist die Hommage eines Wahlberliners an seine Stadt, die für ihn nicht nur Kulisse seiner Kunst ist, sondern ihr roter Faden.
Und so klingt Tanz auf dem Vulkan wie ein Versprechen, den Spirit der 20er wieder zum Leben zu erwecken. Und ist zugleich tief verwoben mit dem Berlin, das Sven Ratzke immer wieder neu inspiriert. ■
Erschienen im Stadt- und Kulturmagazin mein/4 - September 2025