Wie die Vagantenbühne jungen Stimmen Gehör verschafft
Intendant Lars Georg Vogel und Dramaturgin Daniela Guse, Foto: © Pavol Putnoki
Text: Sarah Gärtner
Am rauen Puls der Kantstraße, zwischen Pommes und Design, in direkter Nachbarschaft zum Bahnhof Zoo und gleich neben dem imposanten Theater des Westens, fällt ein nahezu ikonisches Schild ins Auge: Vagantenbühne steht dort in großen Leuchtlettern. Wer der Einladung folgt, landet nicht, wie nebenan, auf dem roten Teppich, sondern im Hinterhof. Und dort verbirgt sich ein Theater, das seit 76 Jahren entschlossen und eigensinnig die Berliner Bühnenlandschaft prägt. 1949 in einer Steglitzer Dreizimmerwohnung gegründet – ein improvisierter Ort mit rauchendem Holzofen, wo Kostüme in der Küche genäht und Bühnenbilder im Flur bemalt wurden – war die Vagantenbühne von Anfang an mehr als eine klassische Spielstätte: ein Raum für moralischen Diskurs, Aufbruch, Widerstand und Theater als Spiegel der Zeit. Heute ist sie mehr denn je ein Ort für die großen Fragen der Gegenwart – und für jene, die noch kommen werden.
Klassiker mit Lust auf neue Perspektiven
Wer heute durch die Türen der Vagantenbühne geht, betritt ein Haus, das sich mit knappen Mitteln große Ziele setzt. Die Bühne ist klein – gerade das macht sie so besonders. Sie zwingt zur Konzentration, zur Reduktion, zur künstlerischen Präzision. „Nicht mehr als vier Schauspielerinnen und Schauspieler“: Dieser äußere Zwang ist hier ein kreatives Prinzip. Klassiker wie Der Besuch der alten Dame, Nathan der Weise oder Medea werden nicht museal konserviert, sondern entschlackt, entstaubt, neu gedacht. Was zählt, ist der Text. Was zählt, ist die Perspektive. Und die ist jung, wach, zeitgenössisch. Im Gespräch mit Dramaturgin Daniela Guse und Lars Georg Vogel, Intendant seit 2020, wird schnell klar, dass sich das Haus in erster Linie als Möglichkeitsraum ver- steht, als eine Bühne, die jungen Schreib- und Regietalenten Vertrauen schenkt und ihnen Handlungsspielraum verschafft. „Wir fühlen uns den Texten verpflichtet“, sagt Lars Georg Vogel, „aber wir wollen sie aus heutiger Sicht befragen.“ So treffen alte Stoffe auf neue Perspektiven spannender junger Regisseurinnen und Regisseure wie Max Radestock, Lily Kuhlmann, Carolina Cesco- netto: feministisch, postkolonial, lokal verankert – ohne belehrend zu sein.
Ein Möglichkeitsraum für junge Kunst
Und es geht um mehr: Die Vagantenbühne bietet gezielt Raum für den Regie- sowie Autorinnen- und Autorennachwuchs. Formate wie Werk in Progress oder die Lesereihe Glanz oder Harnisch entstehen in Zusammenarbeit mit der UdK und geben Studierenden die Möglichkeit, ihre Texte und Konzepte vor Publikum zu erproben.
„Hier wird Theaterliteratur im Werden auf die Bühne gebracht“, sagt Daniela Guse. Dies geschieht unter idealen Bedingungen: Der 83 Plätze umfassende Zuschauerraum bietet ein intimes Setting ohne existenziellen Quotendruck.
2025 werden die Arbeiten der UdK erstmals mit Arbeiten der Hochschule für Musik und Theater Hamburg sowie der Hochschule für Musik und Theater Hannover als kleines Festivalformat an der Vagantenbühne gezeigt. Das ist rare Praxisnähe – und ein Versprechen an die Zukunft.
Live-Podcast-Show: Queer, laut, notwendig
Und auch in den Zuschauerrängen tummelt sich der Nachwuchs: Das Live-Podcast-Format Fame fatale zieht ein junges, queeres, künstlerisches Publikum an. Was die beiden Schauspieler Michael Schweisser und Lukas von Horbatschewsky auf die Bühne bringen, ist eine radikale Verbindung aus Stand-up-Comedy und performativem Archiv. Die erste Staffel taucht tief ein in die dunkelsten Kapitel deutscher Kulturgeschichte und den Umgang mit marginalisierten Künstlerinnen und Künstlern. Dabei trifft Tragik auf Situationskomik, Momente stiller Betroffenheit und lautes Gelächter im Publikum geben sich beständig die Klinke in die Hand. Fame fatale steht exemplarisch für eine neue Generation, deren Synapsen anders verdrahtet sind und den Perspektivwechsel schneller vollziehen, die humorvoll aufrüttelt, wo andere die Sprache verlieren. Eine neue Generation findet ihre ganz eigene Form der Auseinandersetzung mit Geschichte. Die zweite Staffel ist für das kommende Jahr angedacht. Gleichzeitig nimmt das Theater seinen pädagogischen
Auftrag wahr und bleibt dabei tief verwurzelt im Kiez: Eine Schulklasse aus Neukölln sieht Woyzeck in Charlottenburg. Das ist kein Zufall, sondern ein Ziel: Theater für alle, nicht für die immer gleiche Bubble.
Mit Haltung durch die Krise
Trotz starker Auslastung kämpft die Vagantenbühne wie viele freie Häuser mit Kürzungen: Die insgesamt vierzehn geförderten Berliner Privattheater beschäftigen 4000 Künstlerinnen und Künstler, stemmen jährlich über 2000 Vorstellungen mit 250 000 Besuchenden – und bekommen alle zusammen so viel Förderung wie ein einziges Stadttheater. Ein Kraftakt. Und doch bleibt der Ton kämpferisch und leidenschaftlich. „Wenn uns etwas fehlt, dann finden wir eine kreative Lösung“, sagt Lars Georg Vogel. „Oft entsteht daraus sogar unsere Handschrift.“
Auch die technische Infrastruktur des Hauses wurde auf den neuesten Stand gebracht – nicht aus luxuriösen Motiven, sondern aus der Notwendigkeit heraus, mit dem begrenzten Platz umzugehen, und um neue Formen zu ermöglichen. Mit LED-Scheinwerfern, modernsten Projektionstechniken und mobilem Übertitelsystem wird das Theater beweglicher, visuell und strukturell. Barrierefreiheit wird mitgedacht: Relaxed Performances und mehrsprachige Angebote sind bereits in Planung oder Umsetzung. Die kleine Bühne wird damit auch sozialpolitisch größer.
Das Haus leistet viel und fordert mit Recht, dass Politik diese Leistung anerkennt. Die Vagantenbühne ist keine schrille Bühne, die auf den schnellen Effekt aus ist. Aber sie ist eine der wachsten, leidenschaftlichsten und klügsten in dieser Stadt. Ein Ort, wo Theater nicht nur spielt – sondern Haltung zeigt und Wirkung entfaltet. ■
Erschienen im Stadt- und Kulturmagazin mein/4 - Juni 2025